Die Anfänge des Pfadfindens in Deutschland


Lion und Wimmer in der Geschichte des deutschen Pfadfindens


Das Pfadfinden in Deutschland begann 1909 wie überall in der Welt gemäß dem englischen Vorbild zunächst als interkonfessionelles Pfadfinden. Die gesellschaftlichen Strukturen Deutschlands führten dann schrittweise zur Entstehung der konfessionellen Zweige des deutschen Pfadfindens als dessen sekundäre Herausdifferenzierungen. Dies trug den anfänglichen kirchlichen Vorbehalten gegen das Pfadfinden Rechnung. Von evangelischer Seite wurde der interkonfessionelle Ansatz als antikonfessionell und "jüdisch" strikt abgelehnt, von katholischer Seite auch die zeitliche Konkurrenz zu Gottesdienstbesuchen. Das kümmerte die Jugend aber nicht und die Kirchen gaben ihren Widerstand nachträglich auf, um eine lawinenartige Entwicklung auch in ihrem Sinne steuern zu können. So begann 1910/1911 das eigentliche evangelische Pfadfinden im CVJM, 1928 dann das katholische, das 1929 zur Gründung der DPSG führte. Die Pfadfinderinnen folgten jeweils schnell ihren Brüdern.

Schon ab Sommer 1909 wurden mit Erscheinen des Pfadfinderbuches von Dr. Alexander Lion, der übertragung von Robert Baden-Powells Scouting for Boys auf die deutschen Verhältnisse hin, in vielen Jugendorganisationen, z.B. auch im CVJM, neben anderem einzelne Pfadfinderspiele gespielt und dafür auch der von Lion geprägte Name Pfadfinder übernommen. Dies freilich noch im Rahmen der jeweils völlig anderen programmatischen Ausrichtung. Durch Wimmers Vorbild und Vorreiterrolle gründeten sich dann ab 1910 programmatisch eigenständige Pfadfindergruppen. 1911 wurde durch die Folgeschrift Allzeit Bereit von Dr. Gustav Kertz (CVJM Nürnberg) zu Lions Buch von 1909 die Grundlage für ein programmatisch evangelisches Pfadfinden im bewussten Gegensatz zum interkonfessionellen Ansatz von Robert Baden-Powell und Dr. Alexander Lion gelegt. Kertz übernimmt mit Selbstverständlichkeit Lions neue Wortschöpfung Pfadfinder, kritisiert aber auf antisemitischer Grundlage die interkonfessionelle Entwicklung des Pfadfindens 1909/1910 in Folge von Lion, Wimmer und dem 1. MPZ. Dem Aufruf des Buches schlossen sich CVJM-Gruppen an und bildeten ab 1911 programmatisch eigenständige evangelische Pfadfindergruppen im Rahmen des CVJM. Häufig wechselten diese zum interkonfessionellen Deutschen Pfadfinderbund (DPB) über, außer in Württemberg und Sachsen, wo sie schon früh die Mehrheit unter den Pfadfindern bildeten.

Aus einer anfänglichen Konkurrenz und bestenfalls einem wohlwollendem Desinteresse der deutschen Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände aneinander ist heute ein Bewusstsein der toleranten Gemeinsamkeit entstanden, das die Unterschiede als Bereicherung und nicht als Trennung empfindet.

Beigetragen dazu haben die von den Weltverbänden der Pfadfinderinnen und Pfadfinder für Deutschland geforderte gemeinsame internationale Vertretung im Rahmen des rdp, die einheitliche deutsche Altpfadfinder-bewegung (VDAPG), zunehmend gemeinsame Erlebnisse der Jugend wie Jamborees, örtliche Zusammenarbeit, mobilitätsbedingter Mitglieder-tausch, scouting100, Pfadfinden100 und auch die offeneren Strukturen unserer Gesellschaft.

In diesem Sinne ist es zu verstehen, dass der hier dargestellte Aspekt der Geschichte des Pfadfindens aus der persönlichen Perspektive von Lion und Wimmer, die beide gläubige und praktizierende Katholiken waren, personenabhängig eine einseitig interkonfessionelle ist, die dann am Schluss bei beiden auch stimmig im BDP mündete. Es geht hierbei aber nicht um die spätere zerklüftete Organisationsgeschichte, sondern um den gemeinsamen Namen und Ursprung 1909, die beide mit den Personen Lion und Wimmer verbunden sind.

Pfadfinden in Deutschland hat heute im rdp vier Säulen, die beiden konfessionellen Bünde DPSG und VCP, den interkonfessionellen BdP und den weiblich-konfessionellen der PSG. Gemeinsam bilden sie unser Pfadfinden in Deutschland.

Dr. Alexander Lion

Robert Baden-Powell (22.02.1857 08.01.1941), englischer Kavallerieoffizier, erprobt seine neuen Erziehungsideen vom 01.08.1907 bis 09.08.1907 mit 22 Jungen im Experimental Camp auf Brownsea Island vor Poole an der englischen Südküste und verarbeitet seine Erfahrung danach in dem Buch Scouting for Boys. Ab dem 15.01.1908 erscheint Scouting for Boys in England 6 x kapitelweise 14-tägig in einer Zeitung, im Mai 1908 dann auch zusammengefasst als Buch. Es ist ein Bestseller.

Dr. Alexander Lion (15.12.1870 03.02.1962), kgl. bayerischer Sanitätsoffizier, liest am 17.03.1908 in der Times von Scouting for Boys und besorgt sich ein Exemplar. Er nimmt brieflichen Kontakt mit Baden-Powell auf und erhält im August 1908 die Rechte für die deutsche übersetzung von Scouting for Boys von Baden-Powell für 203.- RM bzw. 10.- .

Im Herbst fährt Lion nach London, trifft Baden-Powell mehrfach und bekommt die Pfadfinderlilie von ihm verliehen. Danach beginnt er mit der übertragung von Scouting for Boys auf die deutschen Verhältnisse.

Im November 1908 prägt Lion nach langen Diskussionen den Begriff Pfadfinder als die deutsche übersetzung von Boy Scout, in Anlehnung an die Lederstrumpfromane von James Fenimore Cooper.

Im Mai 1909 erscheint Lions Das Pfadfinderbuch im Verlag der ärztlichen Rundschau von Otto Gmelin in München, dessen medizinischer Hausautor Lion ist, in einer Auflage von 5.000 Exemplaren. Es ist sofort ein Bestseller mit mehreren dem sich schnell wandelnden Zeitgeist immer wieder angepassten Neuauflagen bis 1917.

1.Münchner Pfadfinderzug

Zu Beginn des Schuljahres 1909/10 bitten Schüler des Alten Realgymnasiums in München (heute Oskar-von-Miller-Gymnasium) ihren Lehrer Franz Paul Wimmer (22.02.1878 12.05.1966), mit ihnen gemäß Lions Buch Pfadfinden zu beginnen. Sie treffen sich ab Samstag, 25. 09. 1909. Es ist die nachweislich erste Pfadfindergruppe in Deutschland. Ostern 1910 wird sie geteilt und erhält dabei den Namen 1. Münchner Pfadfinderzug (1. MPZ).

Von 1911 bis 1919 ist der 1. MPZ, durch die damaligen politischen Verhältnisse bedingt, Mitglied im allgemeinen bürgerlich-patriotischen Dachverband Bayerischer Wehrkraftverein. 1919 tritt er wieder aus und ist aktiv an der Gründung des neuen Bayerischen Pfadfinderbundes (BPB) beteiligt. Vom 01.bis 03. August 1919 nehmen Mitglieder des 1. MPZ am reformerischen 1. Pfadfindertag auf Schloss Prunn im Altmühltal teil.

Am 31.12.1932 tritt der 1.MPZ als Stamm Feuerkatzen der republiktreuen und international arbeitenden Reichsschaft Deutscher Pfadfinder bei. Am 01.09.1933 wird er als Fähnlein Feuerkatzen dem NS-Jungvolk geschlossen eingegliedert, kann aber bis Sommer 1934 seine Pfadfinderabzeichen tragen und sich sein Pfadfindertum bis 1945 deutlich bewahren. Kriegsbedingt zerfällt der 1. MPZ im Frühjahr 1945. Im April 1945 initiieren und führen Mitglieder des 1. MPZ den Widerstand Freiheitsaktion Bayern. Von 1959 bis 2000 trifft sich der 1. MPZ jährlich. Er bringt eine Reihe bekannter Persönlichkeiten hervor.

Lion, Wimmer und die Pfadfinder

Robert Baden Powell (BiPi, 22.02.1857 - 08.01.1941) ist der Gründer der internationalen Pfadfinderbewegung. Mit seinem Experimental Camp auf Brownsea Island vor Poole an der englischen Südküste vom 01.08. bis 09.08.1907 probierte er seine Methoden mit 22 Jungen praktisch aus. Das Experiment glückte und BiPi schrieb im Herbst 1907 seine Erfahrungen aus dem ersten Pfadfinderlager der Geschichte nieder. Ab 15.01.1908 erschienen sie 14-tägig kapitelweise in sechs Fortsetzungen in einer englischen Zeitschrift, im Mai 1908 noch mal überarbeitet und zusammengefasst als Buch "Scouting for Boys". BiPi wollte damit nur Anregungen geben für bestehende Jugendorganisationen, nichts eigenes gründen. Die Jugendlichen sahen das völlig anders und machten etwas völlig neues und eigenständiges daraus, Pfadfinden.

Dr. Alexander Lion (15.12.1870 - 03.02.1962) war Tropenarzt und Offizier beim kgl. Bayrischen Militär mit Kolonialerfahrung in Deutsch-Süd-West Afrika, dem heutigen Namibia. Lion kannte BiPi von Berufs wegen namentlich. BiPi war schließlich strahlender Kriegsheld des Burenkrieges in Südafrika, der angrenzenden englischen Kolonie, in dem Deutschland allerdings die Buren unterstützte. Lion las auch zu Hause in Bamberg die Times, die führende englische Tageszeitung. Das war für einen Mann in der Stellung von Lion damals völlig ungewöhnlich, zu konkurrenzvergiftet und verkrampft war das politische Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien damals, 6 Jahre vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. In der Times vom 17. März 1908 las Lion einen Bericht über Scouting for Boys. Lion schreibt kurz darauf BiPi. Die beiden Männer werden sich dann zeitlebens persönlich sehr mögen und schätzen. BiPi und Lion werden sich schnell einig. Am 23.08.1908 bestätigt BiPi Lion in einem Brief den Erhalt von 10.- englischen Pfund bzw. 203.- deutscher Reichsmark. Es ist das Geld für die übertragung der deutschen Rechte an Scouting for Boys an Ali Lion. Lion hatte auch schon einen Verleger an der Hand. Otto Gmelin. Er verlegte eine medizinische Fachzeitschrift und Lion war als Mediziner schon lange Jahre Hausautor bei dem Verlag. Vom 30.09.1908 bis 10.10.1908 weilte Lion in London. Es war schwer gewesen, diese Reise ins Zentrum des "Erzrivalen" genehmigt zu bekommen. Mit einem Trick schaffte es Lion dennoch und besuchte mehrfach BiPi, was der eigentliche, aber verheimlichte, Zweck der Reise war. Lion bekam von BiPi eine Pfadfinderlilie überreicht, was damals die Ernennung zum Pfadfinder war, so wie heute die Versprechensfeier mit Halstuchverleihung. Alexander Lion kam als erster deutscher Pfadfinder wieder nach Hause.

Darauf begann er Scouting for Boys ins Deutsche zu übertragen, was nicht einfach war. Einmal war es nicht möglich, eine reine übersetzung zu machen. Eine übertragung auf die besonderen deutschen Verhältnisse hin war nötig. Und dann die vielen neuen Begriffe, die zwar ursprünglich aus der englischen Militärsprache stammten aber durch ihre neue Anwendung auf das Pfadfinden eine völlig neue Bedeutung bekommen hatten. Für diese passende neue deutsche übersetzungen zu finden war eine der großen Herausforderungen. Im Fall von "Boy Scout" wurde dies sogar öffentlich diskutiert. "Kundschafterjunge", was die wörtliche übersetzung gewesen wäre, war Lion viel zu militärisch. Es ging schließlich bei dem Neuen um Friedenserziehung, Internationalität,Selbständigkeit, Charakterbildung, Freiheit, Abenteuer, Selbstverpflichtung. Nach langem überlegen prägte Ali Lion im November 1908 "Pfadfinder" als übersetzung von "Boy Scout". Er lehnt sich dabei an den "Pathfinder" in den Lederstrumpfromanen von J.F. Cooper an.

Danach wurde das Buch mit Hilfe mehrerer anderer, darunter ab 04. 12. 1908 auch Maximilian Bayer, später erster Reichsfeldmeister der deutschen Pfadfinder, zügig fertig gestellt. Das englische Vorbild wurde nicht verleugnet und Lion deshalb im Königreich Preußen heftigst als "Vaterlandsverräter" angegriffen und er und das junge Pfadfinden mit antisemitischen Hetzparolen verunglimpft. In den jährlichen späteren Auflagen bis 1917 fand dann eine zunehmende "Germanisierung" des Buches statt, die vor allem der politischen Entwicklung und den gesellschaftlichen Veränderungen während des Krieges Rechnung trug. "Turnvater" Jahn ersetzte schließlich Baden-Powell. Im 1. MPZ fand diese Entwicklung aber nachweislich keinen Boden, Baden-Powell blieb das Vorbild.

Am 20.01.1909 gründet Lion mit anderen in Berlin zur praktischen Erprobung und Einführung des Pfadfindens der Verein "Jugendsport in Feld und Wald". Lion ist Vorstandsmitglied, muss aber als "Jude" und "Englandfreund" im Hintergrund bleiben. Der Verein ist nur beratend tätig und will keine eigene deutsche Pfadfinderorganisation gründen, sondern nur die Methode des Pfadfindens in bestehende Organisationen (Wandervogel, Burschenvereine, Jugendwehr, CVJM) bereichernd einbringen. Er ist ein reiner Förderverein für die Methode Pfadfinden. Lion betreibt intensive Pressearbeit für das Pfadfinden. Ab März 1909 nehmen die Presseangriffe gegen den Plan, Pfadfinden von England nach Deutschland zu übertragen, heftigste Ausmaße an und Lion muss ein Ehrengericht beim Kaiser beantragen, um sich gegen üble - auch antisemitisch motivierte - Unterstellungen aus Kreisen der preußischen Generalität zu wehren.

Vom 30.04. - 01.05.1909 gibt es einen ersten Besuch englischer Pfadfinder in Deutschland, auch in Bamberg bei Lion. Endlich, im Mai 1909, erscheint Lions "Pfadfinderbuch" in München im "Verlag der ärztlichen Rundschau Otto Gmelin" mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren, die schnell ausverkauft waren, so dass bis 1917 jährlich immer wieder veränderte Neuauflagen gemacht wurden.

Noch im Mai 1909 erfuhr Franz Paul Wimmer, Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften am Alten Realgymnasium in München (heute Oskar-von-Miller-Gymnasium) von dem Pfadfinderbuch von Alexander Lion. Einen Mitautor des Pfadfinderbuches, Dr. Ludwig Kemmer, kannte Wimmer aus seiner Zeit als Referendar am Theresiengymnasium in München. Kemmer war dort Lehrer für Deutsch und Englisch gewesen.

Die überlieferung teilt sich nun. Wimmer schreibt, seine Schüler kamen zu Beginn des Schuljahres 1909/10 auf ihn zu und baten ihn, mit ihnen nach dem Buch eine Pfadfindergruppe zu gründen. Von Schülerseite ist überliefert, dass Wimmer sie ansprach, als er sah, dass auch sie Lions Buch lasen "Buam, dös is wos für euch! Pack mas o". Tatsache ist jedenfalls, dass Wimmer mit seinen Schülern am 25. 09. 1909 den 1. Münchner Pfadfinderzug (1. MPZ) gründete.

Erst am 09.01.1911 in beschließt der Berliner Verein Jugendsport in Feld und Wald Berlin, sich mit bestehenden kleinen aktiven Pfadfindervereinen zum "Deutschen Pfadfinderbund (DPB)" zusammen zu schließen und aktive Jugendarbeit zu betreiben, was am 18.01.1911 dann geschieht. Maximilian Bayer wird erster Reichsfeldmeister.

Der 1. MPZ passt nach Ostern 1911 seine interne Struktur zwar schon dem DPB an und kooperiert mit ihm, geht dann aber ab Mai 1912 mit den übrigen bayrischen Pfadfindern und den anderen Jugendvereinen gezwungenermaßen andere Wege im Bayerischen Wehrkraftverein.

Für die Pfadfinderinnen gibt es ab 1912 reichsweit dann den "Bund Deutscher Pfadfinderinnen (BDP)", der 1912 auch schon in München Gruppen hat.

Nach dem 1. Weltkrieg erneuerte sich die Pfadfinderbewegung mangels erwachsener Führer und der Geist der Jugendbewegung hielt Einzug. Wandervögel, Jungenschaftler und Pfadfinder gründeten neue Bünde oder spalteten sich von den großen Bünden ab. Der Beginn der Bündischen Phase der Jugendbewegung, die 1933 mit Verbot und Gleichschaltung in der Hitlerjugend endete. Einige Pfadfindergruppen, darunter der 1. MPZ, versuchten im Jungvolk verdeckt weiter Pfadfinderarbeit zu betreiben, bis das NS Regime dies durch den Straftatbestand bündische Umtriebe nahezu unmöglich machte. Sehr wenige fanden später zum Widerstand, unter ihnen der 1. MPZ unter Rupert Gerngroß (Freiheitsaktion Bayern). Die meisten fügten sich willig in die neuen Strukturen. Zu einer Aufnahme der deutschen Pfadfinder in die Weltgemeinschaft (WOSM) kam es in den 20er Jahren zunächst nicht, da die deutschen Pfadfinder der Weltgemeinschaft der Pfadfinder insgesamt in sich zu zerstritten waren und auch nach außen zu nationalistisch und gegenüber den österreichischen Pfadfindern zu expansionistisch auftraten. Erst 1933 wurde die republiktreue und international tätige liberal gesonnene "Reichsschaft Deutscher Pfadfinder", der auch Lion und der 1. MPZ angehörten, de jure in den Weltverband aufgenommen. Die de facto-Aufnahme am Jamboree 1933 in Gödöllö / Ungarn wurde aber durch die Machtübernahme Hitlers und die zügig betriebene Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft verhindert. Der Reichsschaft wurde die Teilnahme am Jamboree verboten, sie wurde zwangsweise in das Jungvolk überführt als eigenständige Organisation aber erst 1934 verboten, nachdem sie vom neuen Regime doch nicht nützlich gemacht werden konnte:

Bemühungen der HJ-Reichsführung, die Hitlerjugend 1933/34 über die von ihr schon kontrollierte aber noch nicht verbotene Reichsschaft Deutscher Pfadfinder im Weltpfadfinderverband WOSM zu etablieren, scheiterten auf Grund der Warnungen von Dr. Alexander Lion, die die österreichischen Pfadfinder (Emmerich Teuber) nach London zum Internationalen Büro von WOSM und an Baden-Powell weiterleiteten. Baden-Powell verweigerte sich einem von Baldur von Schirach erbetenen Treffen. Als dies 1938 beim Anschluss österreichs aufkam, wurden Lion, Teuber und andere österreichische Pfadfinderinnen und Pfadfinder von der Gestapo festgenommen, verhört und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Lion kam mit dem relativ milden Urteil von 10 Monaten Haftstrafe davon, die er im Gefängnis Neudeck / München-Au verbüßte. Diese überraschende Milde ist auch aber nicht nur einer sehr geschickten Verteidigungsstrategie zu verdanken. Eine Anklage wegen Hochverrats wäre durchaus möglich gewesen. Historisch ist dies noch ungeklärt. Lion hatte als "Jude" Berufsverbot, sein Sohn überlebte als Bäcker im römischen Exil, andere Verwandte konnten noch rechtzeitig nach England und Schweden emigrieren, seine Schwester und deren Familie wurde im KZ Bergen-Belsen ermordet.

Nachdem 2. Weltkrieg arbeitete Lion, der im letzten Moment einem SA-Lynchkommando entkommen war und sich die Monate bis Kriegsende auf einer Alm versteckt gehalten hatte, im Jugendamt Aibling in der amerikanischen Besatzungszone und als Mitglied der Spruchkammer Bad Aibling zur Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft. Er erhielt nach Radio-Aufrufen ab August 1945 zur Sammlung der deutschen Pfadfinder als erster Deutscher am 31. 10. 1945 von der US-Militärregierung die Lizenz zur Gründung einer Pfadfindergruppe - im Landkreis Rosenheim. Seinen Pfadfindern wird das Tragen der internationalen Lilie ab 11.12. 1945 gestattet. Lion war dann seit 1946 Ehrenpräsident und Lizenzträger des BDP und 1947 Ehrenmitglied des öPB (österreichische Pfadfinder). 1950 wurde der Ring deutscher Pfadfinderbünde, bestehend aus, CP, DPSG und BDP, durch Lions Initiative gegründet und in den Weltbund der Pfadfinder (WOSM) aufgenommen. Etwas später folgten die deutschen Bünde der Pfadfinderinnen in den Weltbund der Pfadfinderinnen WAGGGS, auch von Lion dazu angeregt und dabei unterstützt. Lion stand zweimal an der Wiege des deutschen Pfadfindens.

Die Studentenbewegung der 68er machten sich auch bei den deutschen Pfadfindern bemerkbar. Vor allem der Bund Deutscher Pfadfinder (BDP) orientierte sich immer mehr linkspolitisch und ein Großteil der Mitglieder traten aus, um den Bund der Pfadfinder (BdP) zu gründen. Dieser wurde anstatt des Bund Deutscher Pfadfinder in den Ring Deutscher Pfadfinderverbände aufgenommen um einer Suspendierung der deutschen Pfadfinder im Weltverband zuvor zukommen. In den 70er Jahren fusionierten dann die interkonfessionellen und evangelischen Mädchenbünde mit den entsprechenden Jungenbünden. Es entstanden der interkonfessionelle Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) und der evangelische Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP). Die Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg nimmt seit 1971 auch Mädchen und Frauen auf. Seitdem ist der Ring deutscher Pfadfinderinnen und Pfadfinderverbände (rdp) in dieser Form von den beiden Weltverbänden WAGGGS und WOSM aufgenommen.

Franz Paul Wimmer wurde am 17.03.1958 auf Lebenszeit zum Ehrenfeldmeister, d.h. Landesvorsitzender h.c., der Landesmark Bayern im BDP ernannt. Am 15.12.1960 ernannte der 1. MPZ Alexander Lion, der dem 1. MPZ seit 1910 verbunden war, zum Ehrenmitglied. 1963 förderte der 1. MPZ eine deutschlandweite Spendensammlung unter Pfadfindern, um dem im Frühjahr 1962 völlig verarmt verstorbenen Alexander Lion einen Grabstein auf das Grab stellen zu können. Die Rover des BDP Stammes Tiger in Augsburg kümmerten sich seit 1962 um die Grabstelle, 1992 hat der DPSG-Diözesanverband Augburg Grabpacht und -pflege für 30 Jahre übernommen. Dieses Grab wurde 2009 anlässlich des Jubiläums Pfadfinden100 mit Spendengeldern der deutschen Pfadfinderinnen und Pfadfinder vom rdp Bayern renoviert und am 23. 05. 2009 zur Geburtstagsfeier der öffentlichkeit präsentiert.

Das Grab von Franz Paul Wimmer wurde zum Jubiläum 2009 vom rdp Bayern mit einer Gedenktafel an sein pfadfinderisches Lebenswerk versehen und am Alten Realgymnasium in München (heute: Oskar von Miller Gymnasium) erinnert seit Pfadfinden100 eine Gedenktafel des rdp Bayern an den 1. MPZ und Franz Paul Wimmer.
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